NACHRUF
HARRY KUPFER

HARRY

Einige persönliche Worte von Michael Lewin zum Ableben von Harry Kupfer

Nun ist er doch gegangen.

Wenn ich ganz ehrlich bin, war es für mich bis zuletzt nicht wirklich vorstellbar. Ja  – er war mehrere Wochen in einem Krankenhaus und die Stimme klang bei den beiden kurzen Telefonaten zuletzt so wie ich sie nie gehört hatte – aber der alte Optimismus: „komm dann wenn ich mich wieder etwas besser fühle“ der blitzte  doch noch durch.

Und jetzt?

Harry Kupfer war nie im Ruhestand. Er war –  ganz im Gegenteil! –  bis zuletzt voller Plänen. Bestimmte Werke wollte er noch unbedingt machen; Buchprojekte waren für dieses Jahr geplant und selbst eine große Wiederaufnahme im Herbst wollte er diesmal unbedingt selbst betreuen.

Nun werden sich weder seine letzten Stückwünsche erfüllen, noch werden wir die geplante Autobiographie und die ergänzte und umgearbeitete Neuauflage seiner Werkbetrachtungen lesen können und die Wiederaufnahme wird wohl  die von ihm bestimmte Assistentin leiten.

Das Telefon wird stumm bleiben.  Das vertraute: „Hallo, hier spricht der Harry“ mit der meist darauf unvermeidlich folgenden Frage: „Was gibt es neues Junge?“ –  Nie mehr.

Was bleibt?

Es bleibt vor allem die Erinnerung an einen unvergleichlichen Künstler für den musikalisches Theater zu inszenieren eine Mission war. Theater, das ihn inspirierte, das seine Phantasie entzündete, musste Musik haben. Egal ob Oper, Operette oder Musical – er konnte alles gleich gut, weil musikalisches Theater für ihn das Theater war.

Von Jugend auf war er diesem Metier verfallen und die Entscheidung Regisseur zu werden, erfolgte früh und früh begann dann auch sein konsequenter künstlerischer Weg.

Sein unaufhaltsamer Aufstieg durch die Theaterlandschaft der damaligen DDR ist hinlänglich bekannt: Debüt in Halle 1958 – dann Stralsund, Karl-Marx-Stadt (Chemnitz)-Weimar-Dresden-Berlin – hier ab 1981 Chefregisseur der Komischen Oper.

Seine erste Inszenierung sah ich als Teenager in Graz (zugleich Kupfers erste Arbeit außerhalb der DDR): Elektra und kurz danach Don Giovanni. Der Eindruck damals war ungeheuerlich. (Harry war verblüfft an wie viele Details ich mich noch Jahre später erinnern konnte, die er für den Don Giovanni an der Komischen Oper im Herbst 1987 aus der Grazer Inszenierung übernommen hatte).

Noch während seines Aufstiegs in der DDR (Harry Kupfer war zu dieser Zeit Operndirektor in Dresden) kam 1978 der legendäre „Fliegende Holländer“ in Bayreuth. Spätestens jetzt wusste wirklich jeder wer und was Harry Kupfer war.

Unsere persönliche Begegnung erfolgte dann erst einige Jahre später, Mitte der 80er Jahre. Ein zufälliges Gespräch am Rande einer Ausstellung.  Harry: „Können wir unser Gespräch nicht fortsetzen? Ich bin morgen um 5 mit der Probe fertig?“ So spontan und direkt war er und so spontan hatten wir am Ende eines Abends ein Buchprojekt beschlossen. Es war zugleich der Beginn einer ununterbrochenen Zusammenarbeit die nun nach 35 Jahren ein Ende finden muss und der ich auch – rein persönlich  – viel mehr verdanke, als man es hier schreiben kann.

Ich kannte, wie gesagt, schon bevor wir uns begegneten viele Inszenierungen (besonders auch aus Dresden und Berlin) von ihm, aber ab dann sah ich naturgemäß jede – oft schon ab den Schlussproben. Für mich war und bleibt Harry Kupfer das Musterbeispiel eines Künstlers, der sich gleichermaßen immer stätig weiter entwickelte und sich trotzdem immer absolut  treu blieb.

Über seine großen Arbeiten muss hier nicht gesprochen werden, noch weniger über seinen Einfluss auf folgende Generationen und überhaupt seine Bedeutung in der Interpretationsgeschichte der Oper. Das ist hinreichend geschehen und ich bin sicher, man wird in der Zukunft auch vieles neu betrachten und bewerten, selbst wenn wir uns dann bald nur mehr auf Aufzeichnungen und Dokumente stützen können.

Neu bewerten werden wohl viele auch seine Inszenierungen der späteren Jahre. Alleine die Tatsache, dass Harry Kupfer mit 65, 70 und schließlich mit über 80 Jahren noch immer inszenierte entfachte sowohl bei der Dramaturgengilde und so manchen der schreibenden Zunft tiefstes Misstrauen. Es konnte doch nicht sein, was nicht sein durfte! Aber Harry arbeitete unbeirrt weiter und das Schlimmste war: das Publikum jubelte ihm mehr denn je zu: in Wien und Berlin, in Frankfurt und Zürich, in Mailand, München, Tokyo und bei den Salzburger Festspielen.

Man verstand sich – Harry und sein Publikum. Was für ein Gefühl muss es für ihn wohl gewesen sein, als er im vergangen Frühjahr noch einmal in der Komischen Oper nach der Premiere von Poro vor den Vorhang kam!!

Harry Kupfer war ein Künstler, der immer schon über den jeweiligen Modeströmungen stand. So wie er keiner bestimmten Schule zugeordnet werden konnte, so ließ er sich nie wirklich festlegen. Für ihn galt wie für wenige andere seiner Kollegen Alfred Hrdlicka´s berühmter Satz (dem er übrigens sehr zustimmte!): „Mir fällt nichts ein – mir fällt was auf!!“ Und das was ihm auffiel, das musste er auf die Bühne bringen, das musste erzählt werden, das mussten seine Sänger darstellerisch glaubhaft machen.  Er hatte eine Mission und diese Mission endete buchstäblich erst mit seiner Abberufung am 30. Dezember.

Inszenieren – das war in Wahrheit für Harry Kupfer leben. Und leben – das war inszenieren. Heute noch muss ich insgeheim lächeln, wenn ich mich an den Sommer 1986 in Salzburg erinnere. Schwarze Maske. Uraufführung von Penderecki.  Nach der Generalprobe am 12. August in seinem Salzburger Quartier. Ein großer Geburtstagsfeierer war Harry nie. Ein Glas Rotwein und was zum Rauchen. Das war´s. Und dann der unvergessliche Satz: „Wenn ich mit 60 noch inszeniere, Junge das musst Du mir versprechen, dann nimmst Du einen Ziegelstein und schlägst mir den über den Kopf.“ Wörtlich. Ich glaube das war die einzige Anweisung in 35 Jahren die ich dann doch schweigend ignoriert habe und bei späteren Geburtstagen – sagen wir dann so ab dem 75.  – sorgte er regelmäßig für herzliches Gelächter. Aber in diesem Apercu spiegelte sich schon damals die Angst wider, den Aufgaben eines Tages rein physisch nicht gewachsen zu sein: „Wenn ich einmal in einer Probe sitzen muss, höre ich sofort auf“. Das galt bis zum Schluss…

Nun ist unwiderruflich Schluss. Eine junge Sängergeneration wird nur mehr aus Erzählungen von älteren Kollegen ungläubig hören, was eine „Kupfer-Probe“ war.

Manches, was ihm so wichtig gewesen wäre, wird nicht mehr erzählt werden. Einiges, das er plötzlich noch sagen wollte, nicht mehr veröffentlicht. Und es gab auch zuletzt keine Möglichkeit, ihm das noch einmal persönlich zu sagen, was ich in der ganzen Zeit unserer Zusammenarbeit immer wieder empfand:

„Danke Harry!“